about us

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flat1 ist ein unabhängiger Kunstraum für zeitgenössische bildende Kunst in Wien. Thematische Gruppenausstellungen bilden den Schwerpunkt des Programms.
Im Mittelpunkt stehen Jahresthemen zu gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und philosophischen Fragestellungen, die aus unterschiedlichen künstlerischen Perspektiven untersucht werden.
Performances, Film, Musik und Gespräche er-
gänzen die Ausstellungen und erweitern sie zu interdisziplinären Diskursräumen.
flat1 versteht Kunst als Medium der Reflexion
und fördert den Austausch zwischen lokalen
und internationalen KünstlerInnen sowie die Entwicklung nachhaltiger Netzwerke außerhalb kommerzieller Strukturen.
flat1 hinterfragt, wie sich der Mensch im Spannungsfeld von Gesellschaft, Technologie, Natur und Kultur verändert – und welche Rolle Kunst dabei spielt, um diese Veränderungen
sichtbar zu machen?
Jahresthemen
thematic
background
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2026
„ICH MACH MEIN DING!“ – Feminismus, Backlash, Hyperrealität
Wenn Nara Smith und Erika Lane Kirk die passive und untergeordnete Ehefrau propagieren, gleichzeitig, aber erfolgreiche Models, Influencer und im Falle von Erika Kirk NGO-Gründerin, sind, wird ersichtlich, dass Social Media nicht nur als Medium, sondern als aktiver Austragungsort feministischer Kämpfe zu verstehen ist. Gesellschaftliche Transformationen bewegen sich immer in Wellenbewegungen mit Fortschritten und Rückschlägen. Heute erleben wir jedoch, wie sich die Amplituden vergrößern. Alte Rollenmuster kehren in neuen Gewändern zurück - vom Globalismus hin zu Nationalstaatlichkeit, von Wir zum Ich, von „Tradwives“ und konservativen Geschlechterbildern bis hin zu digitalem Popfeminismus. Popfeminismus soll Selbstbestimmung über visuelle Selbstinszenierungen und Social-Media-Performances vermitteln, bleibt jedoch oft an der Oberfläche. Es gilt pars pro toto: Propagierte Befreiungsmechanismen bestätigen häufig eher unbewusst bestehende Machtstrukturen, indem sie erst recht auf die Logik des hegemonialen Blicks referieren.Judith Butlers Gedanke, dass Geschlecht nicht naturgegeben, sondern performativ ist, eröffnet eine radikale Perspektive: Identität ist kein festes Wesen, sondern ein fortwährender Aushandlungsprozess. Doch gegenwärtig scheinen gesellschaftliche Strömungen eher in die entgegengesetzte Richtung zu weisen – hin zu erneuten Fixierungen und Zuschreibungen.Hier stellt sich die Frage: Bedeutet Feminismus heute noch Widerstand gegen normative Rollenbilder – oder wird er im Popdiskurs auf „Ich mach mein Ding“ reduziert? Die Kulturwissenschaftlerin Sonja Eismann weist darauf hin, dass vermeintliche Selbstverwirklichung innerhalb normativer Systeme selten wirkliche Befreiung ermöglicht. Vielmehr gilt es, diese Strukturen sichtbar zu machen und zu brechen. Kunst ist dabei ein Medium, das Räume eröffnet, in denen Alternativen entworfen und bestehende Ordnungen hinterfragt werden können.Im Hintergrund dieser Debatten steht Jean Baudrillards Theorie der Simulation: Wir leben in einer Hyperrealität, in der Zeichen sich von ihrer ursprünglichen Bedeutung gelöst haben. Realität und Abbild sind nicht mehr zu unterscheiden, gesellschaftliche Codes erscheinen referenzlos und erhalten nur durch ihre Zirkulation Bedeutung. Der Popfeminismus mit seinen Instagram-Posen oder viralen Hashtags ist Teil dieser Hyperrealität – er produziert Bilder, die Selbstermächtigung suggerieren, aber oft nur die Simulation einer Befreiung darstellen.Für flat1 ist das Spannungsfeld zwischen feministischen Kämpfen, gesellschaftlichen Rückschritten, Kipppunkten und Hyperrealitäten das zentrale Thema des Jahres 2026. Unser Programm stellt die Illusion linearer Fortschritte infrage: Ist der Bruch in Wahrheit die Regel, und ist das, was wir als Fortschritt begreifen, stets gefährdet, jederzeit wieder zu kippen? Welche Rolle kann Kunst dabei spielen, in einer Welt, in der Wirklichkeit und Simulation verschwimmen?
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2025
ANGST SCHREIBT GESCHICHTE
EMOTION AM WERK
WER HAT ANGST VOR DER ANGST?
Die Äußerung eines Gefühls verändert in William Reddys Sichtjedoch nicht nur die innere Realität dessen, der empfindet,Fear arises when deeply historical experience suddenly reemer-ges, is revived as a possible version of the present.sondern ruft geradezu zwangsläufig eine Gefühls-Reaktion deranderen hervor. Man könnte also auch sagen: Jede Gefühlsäuße-rung tut etwasmit der inneren und/oder äußeren Welt.**Bettina Hitzer-Emotionsgeschichte - ein Anfang mit FolgenDas Jahresprogramm 2025 von flat1 setzt sich mit der Rolle vonAngst in der heutigen Gesellschaft auseinander.Wir postulieren: Geschichte wird nicht von Menschen, sondernvon deren Emotionen geschrieben. Ausgehend von der histori-schen Entwicklung kollektiver Gefühle, wie sie von Emotions-historiker:innen und Soziolog:innen analysiert wurden, wirddie Frage gestellt: Wie beeinflussen gesellschaftsübergreifen-de Gefühle unser kollektives und individuelles Verhalten, be-sonders in Zeiten großer Unsicherheit?Vom Menschen kreierte Systeme lassen sich maßgeblich und sehreinfach von menschlichen Emotionen beeinflussen — oft vielmehr als beabsichtigt. Dass gerade auch jene Gefühle, die sichkaum an der Realität orientieren gravierende Folgen nach sichziehen können, zeigt zum Beispiel das Phänomen des „SchwarzenFreitag“. Dieser fasziniert vor allem dadurch, dass das ur-sprüngliche Problem aus heutiger Sicht minimal erscheint undin keinem Verhältnis zur emotionalen Reaktion der Bevölkerungsteht. Genau diese Überreaktion machte es aber erst zu demfolgeschweren schwarzen Freitag, der uns heute bekannt ist.William James verortet die weitgehend unterschätzte Bedeutungvon Gefühl und historischer Erfahrung vor allem in allen For-men der Erinnerung. Der Mensch inszeniert sich zwar gern alsvorwiegend rationales Wesen – die Ereignisse der Vergangenheitsprechen dann aber eine andere Sprache.Unsere Gefühlswelt wird also häufig und auch in weniger jahr-hundertdefinierenden Gegebenheiten viel direkter in eine äuße-re Welt übersetzt, als wir ihr zugestehen. Es ist vielleichtintuitiv leicht verständlich, aber trotzdem die Artikulationwert: Gefühlsäußerungen bilden ein Netzwerk und interagieren.Konsequent weitergedacht lässt sich der schwerwiegende Ver-dacht äußern, dass dem Menschen seine eigene Geschichtsschrei-bung entgleitet, indem er sich rückblickend als rationalerdarstellt als er eigentlich ist. Es stellt sich die Frage, obnicht in der Vergangenheit in Wirklichkeit Ängste für uns Men-schen Entscheidungen getroffen haben, oder, weiter gefasst,haben wir Menschen nicht viel mehr auf eine vorgegebene Emoti-onslandschaft reagiert, als uns lieb ist?Die Arbeiten von Emotionshistorikern wie Carol Z. Stearns, Pe-ter N. Stearns und Arlie Hochschild bieten eine theoretischeGrundlage für derartige Überlegungen. Die „Emotionology“ be-schreibt das Wechselspiel zwischen Gefühlsnormen und tatsäch-lichen Gefühlen. Gefühle wie Angst werden durch gesellschaft-liche Regeln geformt und verstärkt, und wirken sich ihrerseitsauf soziale und politische Entscheidungen aus.Auch Forscher wie Jan Plamper (History of Emotions) und Bar-bara H. Rosenwein (Emotional Communities) bieten wichtige ana-lytische Grundlagen. Plamper etwa beschreibt, dass „Emotionenhistorische Entitäten sind, geformt und transformiert durchsoziale, kulturelle und politische Kräfte“ (Plamper, 2015).Damit sind Emotionen zusätzlich noch keine festen Größen, son-dern ändern sich im historischen Kontext. Rosenwein betont dieRolle von „emotional communities“, in denen „gemeinsame emoti-onale Ausdrucksweisen und Normen“ das soziale Gefüge bestimmen(Rosenwein, 2006).behandelt werden. Ziel ist es sich produktiv auszutauschen,einer vereinfachenden Definition von Angst entgegenzuwirkenund eine Erweiterung des Verständnisses von Angst und Gesell-schaft zu erreichen.Also:Wer hat Angst vor der Angst? Wir nicht.Ich schon.Letztlich geht es in diesem kuratorischen Konzept also um einekünstlerische Umsetzung der Frage: Wäre es akkurater, anstattvon der Geschichte der Menschheit von einer Geschichte derEmotionen zu reden? Und wie könnte, beziehungsweise sollte,man einer (zu) starken Emotionalisierung entgegentreten?Das Jahresprogramm zu der Emotion ANGST zielt nicht nur dar-auf ab, ein künstlerisches Bild der Angst in der modernen Ge-sellschaft zu zeichnen. Es soll die Komplexität dieser Emotionerforschen, sowohl auf individueller als auch auf kollekti-ver Ebene und aufzeigen, wie gesellschaftliche Gefühlsnormenund individuelle Gefühle miteinander interagieren. Gleichzei-tig sollen die Mechanismen sichtbar gemacht werden, durch dieAngst gesellschaftliche Radikalisierung und Konflikte befeu-ert.Die emotionalen Gemeinschaften nach Rosenwein (siehe oben)sind für das Jahresprogramm auch der Ausgangspunkt, aus-schließlich auf kollaborative Projekte zu setzen. ArtistGroups, Kollaborationen und Austausch, Diskurs, Reflexion undTeam-Work, stehen im Zentrum des Jahresprogramms Angst. Durchdiese künstlerischen Reflexionen innerhalb und außerhalb derCommunities soll das Verhältnis zwischen Angst und Rationa-lität in der Geschichtsschreibung sowie der Gesellschaft kri-tisch hinterfragt und neu interpretiert werden.
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2024
ARTIFICIAL
Die „Künstliche Intelligenz“ (KI) oder „Artificial Intelligence“ (AI) gestaltet längst unser Leben – und ist Realität geworden. Die Gesellschaft wird in Zukunft immer mehr von Siri, Alexa, ChatGPT und deren Nachfolgern durchdrungen und organisiert. Die Entwicklung ist rasant, permanent tauchen bessere effizientere neue KI’s auf, kaum sind sie ansatzweise in den Universen der Early-Adapter angekommen, sind sie auch schon wieder veraltet. HeyGen, HumataAI, Chatmind, Bardeen, Claude und Monica sind die neuen Geheimtipps für schnelleres und besseres Arbeiten mit Internet-Unterstützung. HeyGen etwa erstellt KI-Avatare, die von realen Personen nicht mehr unterscheidbar sind. Und die Frage nach dem Wert einer authentisch realen Person, an der man sich bisher oft orientiert hat, erübrigt sich.
Zahlreiche weitere Fragen stellen sich, denn das Bewusstsein über problematische Seiten der Entwicklung ist in den Köpfen der Menschen fest verankert, geprägt durch Urängste über technischen Fortschritt, von Hollywood Cyborgs, die der Menschheit wenig wohlgesonnen sind, bis hin zu realen missbräuchliche Anwendungen elektronischer Devices bei der Überwachung und Manipulation einer ganzen Gesellschaft. Politik, Medien und auch Kunst werden sich mehr oder weniger mit Grundprinzipien von KI beschäftigen müssen, wollen sie weiter den Anspruch einer aktiven Gestaltung der Gesellschaft stellen. Worum geht es dabei? Vor allem geht es um die Abgrenzung zwischen Mensch und Maschine. Die Technologie kann durchaus etwas, was gemeinhin mit „lernen“ bezeichnet wird. Aber nur durch jeden neuen Datensatz, der zuvor von Menschen eingegeben wird. Dennoch: Die unvorstellbare Menge an verarbeitbaren Daten lässt Quantität unter Umständen in eine neue Qualität umschlagen: Je mehr Daten, desto mehr Verknüpfungen werden möglich.
„Machine Learning“ (ML) kann jedes Detail einer Gesellschaft erfassen und kombinieren, von privaten Social Media-Kanälen über Wirtschaftsdaten bis hin zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, da liegen Nutzen und Gefahren knapp nebeneinander. Der Hype ist verständlich, doch gerade die Kunst sollte misstrauisch bleiben, war die Maschine doch ursprünglich der Inbegriff des Unkreativen, weil der Output durch den Input definiert ist und sich nur auf bereits Vorhandenes stützen kann.
Nun zeigt sich aber, dass KI durchaus neue Aspekte kreieren kann, wenn sie einmal die Schlüsselinhalte eines künstlerischen Stils gelernt hat.
Zur Zeit zeigt etwa Refik Anadol im MOMA in New York seine Ausstellung „Unsupervised“. Der Künstler trainierte ein ML/KI Modell mit allen 138.000 Stücken der Sammlung. Er ließ die Maschine die Werke neu gruppieren und aus den Unterschieden zwischen deren Farb- und Formgebung neue dreidimensionale Kombinationen schaffen, ähnlich dem Farbregler eines Bildbearbeitungprogramms. Die in Echtzeit animierten Variationen erzeugen nach dem in der Kunst seit Anbeginn genutzten Zufallsprinzip kontinuierlich neue und teils unwirkliche Ansichten, die Besucher und Besucherinnen augenscheinlich in ihren Bann ziehen.
https://www.youtube.com/watch?v=G2XdZIC3AM8
Speziell für die Kunst führt die Verwendung vorhandener Daten durch Maschinen sofort zum Problem des Plagiats. Wird nur Bestehendes kopiert oder schaffen die Künstler-Innen in der Verwendung der KI als ein Werkzeug durch selektive Eingaben ein Kunstwerk neu? Wie teilt sich die Urheberschaft auf zwischen denen, die die Daten erschaffen, die sie selektieren und den Softwareentwicklern, die die Programme dazu schreiben?
Und was, wenn die KI so programmiert ist, dass sie selbst coden kann?
Ist gar eine Kooperationen zwischen allen Beteiligten denkbar, anstatt kontroverse menschliche und nicht-menschliche Autorinnenschaft eines Kunstwerks zu diskutieren? Für MoMa-Künstler Anadol ist die Sache klar, die Basisdaten sind nicht mehr als das Pigment, mit denen er neue Werke schafft. Erst durch die Wahrnehmung durch die Rezipienten entstehe
Kunst. Daher ist auch derjenige, der dies ermöglicht ein Urheber: „Die Kunst findet im Kopf des Zuschauers statt. Wenn es niemand gibt der es wahrnimmt, gibt es auch keine Kunst“ Es geht zum anderen aber auch darum, dass in einer kapitalistisch geprägten Wertegemeinschaft natürlich auch hier Gewinnbestrebungen die
Treiber der Entwicklung sind: „ML ist zentral für die große Infotech-Industrie wie Google oder Facebook, die einerseits die Daten haben, um maschinelles Lernen zu trainieren, und es andererseits brauchen, um ihre
Datenmassen sinnvoll (und profitabel) zu nutzen. Machine Learning ist so gesehen eine der wichtigsten kapitalistischen Technologien, wesentlich für den Profit in der Datenwelt – und alle Nutzer-Innen werden in diese neue technologische Assemblage zur beschleunigten In-Wert-Setzung eingefügt. Unser Privatleben und sogar unser Unbewusstes werden erfasst, z. B. durch das Analysieren unseres Profils in den „sozialen Medien“, um uns profitabler zu machen – sei es als Arbeiter-In, sei es als KonsumentIn.“ *
KI kann durch die Menge an Datensammlung und -verarbeitung latente negative gesellschaftliche Strömungen aufgreifen, transparent machen oder verstärken, die in diesem Ausmaß entweder gesellschaftlich nicht bewusst oder (noch) nicht manifest sind. Die Technologie bildet Stereotypen in Richtung Rassismus oder sexistischen Verhaltensweisen ab. Es geht etwa
um die unreflektierte Bevorzugung von Menschen weißer Hautfarbe, von männlichen Wertvorstellungen, oder um die Verstärkung von Vorurteilen, die in einer Gesellschaft existieren. Was uns zur grundsätzlichen Frage führt: Kann eine Maschine überhaupt Reflexionen über sich selbst anstellen, wenn dies in der herkömmlichen Philosophie nicht einmal Tieren zugestanden wird?
Fehlerhaft KI-Logik könne bei kriminaltechnischen Untersuchungen durch Verknüpfung aller Daten, auch den mit Vorurteilen belasteten, oftmals einkommensschwach, migrantische, nicht-weiße Personen als Menschen mit kriminellen Absichten klassifizieren, warnt wiederum die US-amerikanische Medienkünstlerin Lynn Hershman, eine Pionierin auf Gebiet, die
sich mit dem Einfluss der KI auf soziale Lebens Wirklichkeiten und die menschliche Psyche beschäftigt: „Algorithmen sind das Titanweiß der Malerei unserer Zeit. Sie sind die Grundierung, die die negativen Räume der Kultur verbirgt.“**
Rosa Menkman fordert daher, dass die Datenpools, mit denen die Maschinen trainiert werden, Teil einer öffentlichen Debatte werden müssen: „Diese Bilder müssen ihre schwer greifbare Macht verlieren. Die Geschichte der Standardisierung gehört in die Lehrbücher der Oberstufe, und das Gewaltpotenzial der Standardisierung sollte auf den Lehrplänen für neue Medien und Kunstgeschichte stehen.“ *** Und Menkmann regt an, dass wie bei vielen menschlichen Entwicklungen sich auch in diesem Fall Künstler und Künstlerinnen als erstes diesem Problem annehmen können. „Sie können darauf verweisen, dass KI nichts ist, was auf magische Weise selbsttätig agiert, dass KI – trotz der missverständlichen Bezeichnung – nichts ist, was eigenständig denkt, oder gar intelligent ist.“ ****
Nicht umsonst spricht etwa die deutsche Künstlerin Hito Steyerl gar von „Künstlicher Dummheit„ statt künstlicher Intelligenz. Künstler und Künstlerinnen setzen intelligente Kunst dagegen. *****
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Kunstforum 278
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Pamela C. Sorzin, https://www.lynnhershman.com/project/shadow-stalker
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Menkman 2021, S34)
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(hito steyerl-Die Autonomie der Bilder oder Dass Bilder töten können
wussten wir schon immer, aber jetzt sind sie selbest am Abzug;
Inke Arns, Kunstforum 278, S.114)
***** (hito steyerl-Die Autonomie der Bilder oder Dass Bilder töten können wussten wir schon immer, aber jetzt sind sie selbest am Abzug; Inke Arns, Kunstforum 278, S.114)
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2023
VERWERFUNGEN - VERKRÜMMUNGEN - SCHRÄGEN - LINIEN - GERADEN - GITTER
Im Jahresprogramm von flat-1 geht es um die künstlerische Aufarbeitung von Mechanismen, die sich um die Einordnung, Orientierung und dem Fixieren von Bezugspunkten in einer immer undurchsichtigeren gesellschaftlichen Spielordnung mit immer komplexeren Interdependenzen drehen. Es geht um Raster, um Muster, um Farb- und Gitternetze als künstlerische Fangnetze in einer Zeit, in der physische, psychische und philosophische Ankerpunkte selten sind. Kategorisierungen rufen immer auch in Erinnerung, dass Räume ohne Grenzen schlicht nur unendliche Neutra sind, dass in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, Ordnungspunkte für Stabilität sorgen können und dürfen, solange sie auf gesellschaftlichem Konsens beruhen.
Viele verschiedene, aber zeitgleich ablaufende gesellschaftspolitische Verwerfungen bedürfen einer Einordnung in das heute vielfältige Linienmuster der Realität. Dies kann vielleicht auch durch die künstlerische Betrachtung der gezogenen Linie, der Krümmungen und Geraden vollzogen werden – spiegelt sich das kleine Muster ja oft in den immer größeren Strukturen. Mit dieser kann diese weltpoli-
tische Unsicherheit und gesellschaftliche Stimmung, die derzeit von mehreren Krisen vom Klima über Krieg hin zur Pandemie und wieder zurück oszilliert, wieder kategorisiert werden. Somit beschäftigt sich das Jahresthema mit künstlerischen Positionen, die dieses Gesellschaftsgefühl aufzeigen, aufzeichnen – oder eben auch konterkarieren.
Diese Verwerfungen und Brüche bringen dann Schräglagen in einer früher bevorzugt geradlinigen Welt oder Chaos in den traditionellen Rasterungen von Politik und Wirtschaft, links/rechts, liberal/zentralistisch, ökonomisch/ökologisch. Das gilt für die fossile Energienutzung genauso wie für fein austarierte globale Lieferketten, für spontanes Mobilitätsverhalten oder Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte lang entwickeltes menschliches Nähe- und Distanzempfinden, das durch ein Virus pulverisiert wird. Denn so wie es sichderzeit darstellt, gelten die alten Erklärungsmuster der Weltordnung ohnehin nicht mehr. Wenn eine Wohlstandsgesellschaft gleich mehrerer ihrer Eckpfeiler entsagen will – oder muss –, sind Risse und Sprünge im Gebälk oder Fundament unvermeidlich.
Richtig genutzt aber enthalten Schräglagen und Chaos nicht nur zerstörerisches, sondern auch kreatives Potential. Kunst kann dies nutzen, das Schlaglicht auf Anomalien und Wiedersprüche richten und versuchen, entsprechend der Chaostheorie eine Struktur im Chaos zu finden um den neuen Konstellationen dann Sinn und Richtung abzuringen.
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2022
Arbeitstitel:
GEFÜHL
Seit Soziale Medien einen guten Teil der Gesellschaft determinieren, wird darüber diskutiert, nach welchen Mechanismen und Regelkreisen dies abläuft – und welche Teile der Gesellschaft es überhaupt betrifft? Denn bis auf eine diffuse Ahnung über manche Zusammenhänge scheinen sich konkrete Wechselwirkungen, Abhängigkeiten und Bedingungen, wie Wirklichkeit und die Parallelwelt in elektronischen Medien miteinander interagieren noch einer validen Beurteilung zu entziehen.
Sicher scheint nur zu sein, dass die Welten zwischen Facebook, Twitter, Instagram, Tiktok & Co Welten der kleinen und großen, und dennoch in gewisser Weise beschränkten Gefühle sind, die einerseits hin und wieder in Konflikt mit der Welt der Ratio außerhalb des Internets kommen, andererseits auch wenig kongruent gehen mit den Gefühlswelten im wirklichen Leben. Diese Diskrepanzen hat flat1 zum Anlass genommen, sich beim Jahresprogramm 2021/22 ebenfalls dem Thema „Gefühle“ zu widmen. Es gilt dabei der Versuch, vor allem den diesbezüglichen Interpretationsspielraum zwischen Außenwelt und Innenwelt der Sozialen Medien künstlerisch zu vermessen.
In einzelnen Blöcken sollen dabei die großen Bereiche der menschlichen Gefühlswelt abgehandelt werden. Deren Anzahl ist je nach Denkschule der Psychologie durchaus unterschiedlich, ebenso deren Abgrenzung zu Emotionen oder Affekten.
Für die künstlerische Arbeit scheint es praktikabel sich auf fünf Basisgefühle (nach Petra Sütterlin) festzulegen, etwa die „Intention“ des Individuums als Basiswert für alle weiteren Vorgänge, gemeint ist das Gefühl, etwas erreichen zu wollen, das Verlangen, die Neugier, das Streben nach einer Zielerfüllung (gleich welcher Art) als Grundlage menschlichen Tun und Handelns. Dahinter steht auch die Frage nach der Ursache dieses Antriebs, und die zweifellos vorhandenen Polaritäten zwischen übertriebenen Intentionen (Ehrgeiz, Manie & Co)
bis hin zum anderen Ende aus Antriebslosigkeit und Depression.
Weitere Veranstaltungen werden sich mit dem Thema „Angst“ befassen, das zweite Grundgefühl des Menschen, dessen Befindlichkeiten über Jahrmillionen durch Naturgewalten bestimmt wurden, ein Erbe, dass sich mit der kurzen Zeitspanne technischer Zivilisation nicht auslöschen lässt und neuerdings durch (berechtigte und unberechtigte) Klimawandel-Ängste wieder zu unerwarteter Aktualität gelangt.
Weitere Themenblöcke im Jahresprogramm werden sich mit dem Gefühlspaar „Agression und Schmerz“ befassen, eine andere grundlegende Triebfeder menschlichen Handelns und ebenfalls großes Thema in den Sozialen Medien. Ähnliches gilt auch für die Themenblöcke „Trauer“, sowie als fünftes Grundgefühl, die „Freude“, dessen künstlerische Aufarbeitung und Einordnung den Abschluss des Jahresprogramms bestreiten soll.
Als künstlerische Anregung lassen sich neben der horizontalen Dualität der Gefühlswelten zwischen Sozial Media und Real Life auch weitere Parameter, eher vertikaler Natur herausdestillieren, denn jedes der Gefühle kann in seiner Qualität variieren, in der Intensität, in seiner Räumlichkeit und Zeitlichkeit.
Insoweit Gefühle unser Handeln bestimmen werden sie durch Parameter des Willens geleitet, oder auch umgekehrt. Als duales Wesen ist der Mensch mit Erkenntnisfähigkeit ausgestattet, zwischen diesen Triebfedern des Handelns unterscheiden zu können. Die Spannungsfelder dabei sind ein weites Feld für künstlerische Inspiration und Kreativität.
Letztlich stellt sich auch die Frage, wie denn Gefühle vermittelt werden? Das Ziel ist, künstlerische Antworten auf diese Fragen zu geben, denn während es in der realen Welt um Mimik und Empathie geht, sowie um ein Zusammenspiel aller möglichen physischen Sinne des Menschen, von Riechen, Schmecken bis zu Fühlen und Tasten, bleibt in der Welt der Sozialen Medien die Gefühlsvermittlung auf Optik und Akustik beschränkt. Ein unerschöpfliches Reservoir für Missverständnisse und Kränkungen sowie künstlerische Anregung, die flat1 für die Umsetzung des Jahresprogramms nützen wird.
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2021 - 2020
Arbeitstitel:
WIEDERHOLUNG - WIEDERKEHR - ITERATION - REPETITION
Teil 1 & 2
Das Jahresprogramm von flat1 widmet sich dem Phänomen der Repetition, der Wiederholung, der Kopie, der Wiederkehr. Dabei ist sich die Gesellschaft, so scheint es, im Grunde genommen einig in der Wertezuschreibung. In einer massiv medial geprägten Scheinwirklichkeit, mit dem permanenten Streben nach der einzigartigen Story, nach dem exklusiven Skandal (was immer auch eine Abwertung des Täglichen, der Mühen der Ebene beinhaltet) gilt DAS MORE OF THE SAME als langweilig und minderwertig. Und doch ist das iterative Handeln ein zentrales menschlichen Grundprinzip, ohne dem gesellschaftliche Entwicklung nicht möglich wäre. Es ist Basis genauso, wie es zum Aufbau von Perfektion dient, was jeder Musiker oder Sportler bestätigt, der in tausenden Wiederholungen Muskeln und Bewegungsapparat zu Höchstleistungen motiviert. Es ist die Basis des kognitiven Lernens, von Mathematik bis zu Linguistik. Es fixiert emotionale Bindungen, das Fundament der Gesellschaft.
Routine, die auf Wiederholungen basiert, wird demgemäß zu Unrecht als langweilig und behindernd abqualifiziert. Richtig verstanden spielt sie den Geist frei für andere Experimente. Sie enthebt menschliches Handeln der Ebene permanenter Entscheidungsfindung, schaufelt Kapazitäten frei und motiviert damit zu Produktivität in anderen Dimensionen. Routinen werden nicht jeden Tag neu erfunden, sie basieren auf Wiederholungen. Dadurch wird das, was im Anfang nur als zufällig und möglich erschien, zu einem Wirklichen und Bestätigten, formuliert etwa der Philosoph Georg Friedrich Willhelm Hegel. Wir lernen, indem wir Routinen festigen oder auch ändern. Sie können daher die Wirklichkeit täglich neu konstruieren, die soziale wie die ökonomische oder familiäre.
Das Bestätigte und Beständige wird zum Bedrückenden und Beengenden, wenn die Vorteile nicht mehr wahrgenommen und umgesetzt werden. Stattdessen wird dann etwa nach Abwechslung gerufen und etwa eine nach außen langwierige, demokratiepolitische Routine aus Langeweile oder purer Provokation, um sich selbst wieder zu spüren, in Frage gestellt. In Summe ist dies bei mangelnder Reflexion auch der Nährboden für Populismus mit senem Versprechen zu einfacheren Lösungen, wie er in einer Reihe von Staaten weltweit an die Macht gespült wurde.
Dieser durchaus Demokratie gefährdende Vorgang lässt sich in der Politik immer wieder beobachten. Postuliert Hegel doch gar, dass sich wichtige Vorgänge in der Geschichte immer wiederholen, inklusive ihrer Irrtümer möchte man hinzufügen. Oder, wie Karl Marx es tat, „einmal als Farce, und dann als Tragödie“, was durch aktuelle politische Vorgänge in Österreichs Freiheitlicher Partei, mit ihrem aus Hybris genährtem Selbstzerstörungstrieb gerade bestätigt wird.
Kunst hat die Aufgabe, diesen Diskrepanzen der Wertezuschreibung nachzuspüren. Auch das Flat1-Programm soll den unterschiedlichen Interpretationen der Iteration auf den Grund gehen. Das ist keine leichte Sache, ist Kunst doch selbst ambivalent, wenn es um den Begriff der Wiederholung geht. Einmal stellt man im romantischen Kunstbegriff des Genies den Anspruch, jederzeit einzigartige Meisterwerke schaffen zu können, die in ihrer Singularität ewigen Ruhm begründen – also das Gegenteil von Wiederholung. Dann wiederum führt sie zu durchaus willkommenen stilbildenden Merkmalen, die am Kunstmarkt zu Wiedererkennbarkeit führen sollen.
Noch andere Zuschreibungen finden sich in anderen Kulturen wie in China, wo die Kopie als eigenständige Kunstform akzeptiert ist, sowohl aus Sicht des Kopisten, als auch als Zeichen der Wertschätzung für das Original.
Letztlich allerdings kann sich Kunst auch auf jüngere Klassiker berufen, wie etwa einen Andy Warhol, der mit dem Genie-belasteten Kunstbegriff gründlich aufräumt, indem er ein Plädoyer für Langeweile hält und den Wunsch äußert, wie eine Maschine leben zu können, immer das gleiche zu produzieren. In der Langeweile der Wiederholung liegt für ihn Geborgenheit und Sicherheit, was in Wendezeiten wie der jetzigen ein durchaus tröstlicher Ansatz ist.
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2019
STREAMING REALITY
Der Kunstraum flat1 widmet sich im Jahr 2019 gemeinsam mit den teilnehmenden KünstlerInnen dem Thema der Gleichzeitigkeit – dem Nebeneinander von Ereignissen, Phänomenen und Prozessen in unserer zunehmend komplexen, vernetzten Lebenswelt. Im Fokus steht die Frage, wie parallele Entwicklungen unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser gesellschaftliches Handeln beeinflussen und welche künstlerischen Strategien geeignet sind, diese vielschichtigen Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Unsere Gesellschaft könnte auch als eine Epoche der Simultanität in die Geschichte der Menschheit eingehen. Noch selten zuvor waren die Ansprüche an das Individuum von so konträren Zielkonflikten geprägt, wir müssen uns abschotten und kollaborieren gleichzeitig, global denken und lokal agieren, Spezialfähigkeiten erwerben und die Allgemeinbildung vertiefe das große Ziel vor Augen haben und reaktionsschnell die augenblickliche Herausforderung meistern. Speziell die digitalen Möglichkeiten haben dabei das Instrumentarium ebenso wie die Leistungsziele auf einen Höhepunkt gehoben.
Anschaulich lässt sich diese Entwicklung etwa am Phänomen des lineare TV erkennen – das ist die Abfolge von Sendungen in ei-nem vom Anbieter vorgegebenen Zeitkorsett, das bestimmte Beginn- und Endpunkte für den Medienkonsum definiert. Dieses alte Konzept von Fernsehen ist für jüngere Generationen mittlerweile zu einem unverständlichen Anachronismus geworden.
Die Vorstellung, sich für eine bestimmte Sendung zu einem von Dritten vorgegebenen bestimmten Zeitpunkt vor dem Bildschirm setzen zu müssen, scheint ihnen abwegig und umständlich. Sind sie vielmehr die Gleichzeitigkeit der Streamingdienstleister gewöhnt, Netflix, Amazon Prime &Co können jede Sendung und jedes Angebot zu jeder Zeit konsumierbar machen, und zwar für jeden Medienkonsumenten individuell bestimmbar.
Das hebt bisherige zeitliche Kausalitäten auf. Medieninhalte zu verpassen wird so gesehen unmöglich, denn alles ist immer greifbar, Vergangenheit und Jetztzeit verschwimmen zusehends zu einer individuellen und subjektiven Erlebniseinheit. Im gleichen Ausmaß erhöht sich auch der Druck auf den Einzelnen, die Einzelne, im gesellschaftlichen Diskurs informiert zu sein, was sich durchaus in Überforderungssymptomen, bis hin zur Totalverweigerung, oder Rückzug in biedermeierliche Privatheit manifestiert, mit all ihren Gefahren latenter Zukunfts-, Fremden- oder Innovationsangst.
Das Konzept von flat soll diese gesellschaftstheoretischen Phänome aufgreifen, die Künstler/innen sollen mit ihren Arbeiten die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Wirklichkeiten auf eine Ebene bringen, die eigentlich eine zeitliche Abfolge von Ereignissen darstellen. So, wie ein starkes Zoom eines Fotoapparates in der Bildperspektive plötzlich auch weit voneinnder entfernt liegende Objekte so erscheinen lässt, als lägen sie auf einer Ebene, der formal-technische Effekt lässt Distanzen verkürzen und Abstände zusammenrücken.
In der inhaltlichen künstlerischen Umsetzung könnte es dabei etwa um einen großen Bogen zwischen Historie und Moderne gehen, wo Ver-gangenheit mit der Jetztzeit verschwimmt. Um technologische Umbrüche, die neue Entwicklungen mit beharrenden Kräften kollidieren lassen. Oder um Ansprüche an das emotionale Fähigkeit des Menschen, gleichzeitig mit den Herausforderungen der aufgeklärten, vorwärtsgewandten und pluralistischen Gesellschaft zurechtzukommen und gleichzeitig die Bodenhaftung in einer Art „Zurück zur Natur“-Vision nicht zu verlieren und damit wie in einem Streamingdienst des Lebens die jederzeitige Verfügbarkeit der in der Realität linear abgelaufenen Menschheitsprägungen wahrzunehmen.
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2018 - 2017
WAHRNEHMUNG
Wir erleben die Welt über das, was wir sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken. Also über unsere (Sinnes-)Wahrnehmung.
Aber das ist komplexer, als wir uns das gemeinhin vorstellen. Schon der Antroposoph Rudolf Steiner (1861 - 1925) definierte nicht fünf, sondern gleiche zwölf grundlegende Sinne des Menschen, etwa den Sinn für das Gesamtempfinden - geht es mir gut, schlecht, fühle ich mich wohl oder übel?
Dazu kommt:
Was wir wahrnehmen und was wir glauben wahrzunehmen, liegen oft weit auseinander.
Dabei ist die Wahrnehmung keine statische Fähigkeit, die genetisch vorgegeben wird, oder sich anhand der Umwelt entwickelt. Sie kann gebildet, entwickelt, entdeckt werden, oder auch verloren gehen. Die Wandlungs- und Erweiterungsfähigkeit der Wahrnehmung ist auch eine Chance. Denn die Entwicklung der Gesellschaft scheint auch an der Entwicklung der Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen zu hängen.
Wenn wir über den Tellerrand hinaus blicken, können wir neue Methoden, Produkte, Formen oder Problemlösungen entwerfen, die uns aus komplexen Verstrickungen herausführen.
Wie können wir die Wahrnehmungsfähigkeit stärken? Der deutsche Kunstwissenschaftler Michael Bockemühl (1943 - 2009) erkennt einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit der Wahrnehmung und der Begrifflichkeiten für Dinge. Wahrnehmung erfolgt seiner Theorie nach über Begriffe und somit über das Wissen (wer weiß, wie eine Geige klingt, hört sie auch aus einem Ensemblestück heraus. wer weiß, wie Farben zusammengesetzt sind, sieht die Einzelkomponenten, usw).
Die Erweiterung der Begrifflichkeiten, also mithin eine kognitive Fähigkeit, führt zu einer Erweiterung der Wahrnehmung.
Umgekehrt, so sagt Bockemühl: Wenn wir etwas nicht benennen (= einordnen in ein Wertesystem) können, macht es Angst.
“Etwa zu sehen und nicht zugleich zu deuten, halten wir kaum aus”. Eine echte Wahrnehmung geht einher mit dem Verstehen des Wesens des Gegenübers. So könnten etwa Gebärden als Indiz für eine echte Wahrnehmung gedeutet werden, als eine unbewußte Spiegelung einer Wahrnehmung über die Körpersprache. Beispiel Begrüßung, bei der man die Körperbewegungen des Gegenübers nachahmt. Als Ausdruck des Verstehens wird man ein bißchen so, wie das Wahrgenommene, eine Resonanz aus Empathie. Kunst eröffnet neue Perspektiven – jedoch nur jenen, die bereit sind, sich auf sie einzulassen. Wahrnehmung ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Fähigkeit, die geübt werden will. Karl Valentin formulierte es treffend: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Dasselbe gilt für unsere Wahrnehmung. Je bewusster wir sie entwickeln, desto größer wird unsere Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, Ambivalenzen auszuhalten und Zukunft aktiv mitzugestalten. Der eigentliche Mehrwert liegt deshalb nicht allein in der individuellen Erfahrung, sondern in der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.
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2015 - 2016
SUBVERSION UND KUNST
Subversion und Kunst sind seit jeher eng miteinander verbunden. Kunst schafft Räume, in denen Autoritäten hinterfragt, gesellschaftliche Normen aufgebrochen und alternative Denkmodelle entwickelt werden. Ob in Musik, Literatur oder Bildender Kunst – immer wieder gingen von künstlerischen Positionen Impulse für gesellschaftlichen Wandel aus.
Subversion muss dabei nicht zwingend im Handeln liegen. Bereits das Denken kann subversiv sein, wenn es Gewohntes infrage stellt und neue Perspektiven eröffnet. Gerade in Zeiten rascher technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen werden eingefahrene Denkmuster zum Hindernis für Innovation. Subversives Denken schafft Raum für Fortschritt.
Mit der Digitalisierung hat sich jedoch auch der Begriff der Subversion verändert. Während gesellschaftliche Umbrüche früher häufig von kleinen, intellektuellen Avantgarden ausgingen, entstehen sie heute zunehmend aus vernetzten Gemeinschaften. So verändern Plattformen, soziale Netzwerke oder Crowdfunding bestehende Macht- und Wirtschaftsstrukturen von unten heraus. Subversion ist damit weniger das Werk Einzelner als Ausdruck kollektiver Dynamiken.
Die entscheidende Frage bleibt jedoch dieselbe: Führt die Infragestellung bestehender Ordnungen zu einer offenen, vielfältigen und zukunftsfähigen Gesellschaft – oder erzeugt sie neue Abhängigkeiten? Kunst nimmt in diesem Spannungsfeld eine besondere Rolle ein. Sie macht Brüche sichtbar, fordert bestehende Gewissheiten heraus und eröffnet neue Möglichkeiten des Denkens.
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2014
SYSTEM UND ORDNUNG
„Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“
Mit dieser Frage beschrieb der Meteorologe Edward N. Lorenz 1963 den sogenannten Schmetterlingseffekt: In komplexen Systemen können kleinste Veränderungen der Ausgangsbedingungen weitreichende Folgen haben. Ordnung erweist sich dabei nicht als statischer Zustand, sondern als fragiles Gleichgewicht, das permanent auf innere und äußere Einflüsse reagiert.
Diese Erkenntnis reicht weit über die Meteorologie hinaus. Gesellschaften, politische Systeme, zwischenmenschliche Beziehungen oder biologische Prozesse folgen ebenfalls komplexen Regelkreisen, deren Stabilität nie selbstverständlich ist. Kleine Entscheidungen, zufällige Begegnungen oder minimale Verschiebungen können Entwicklungen auslösen, die erst lange Zeit später ihre volle Wirkung entfalten.
Das Jahresprogramm von flat1 untersucht diese Dynamiken aus künstlerischer Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Ordnungen entstehen, wodurch sie stabilisiert werden und welche Faktoren sie ins Wanken bringen. Wo verlaufen die Grenzen zwischen Chaos und Struktur? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen individuellen und gesellschaftlichen Systemen? Und welche Rolle spielt der Mensch als Teil komplexer Netzwerke, die sich gegenseitig beeinflussen?
Die eingeladenen Künstler:innen nähern sich dem Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln und machen sichtbar, dass Ordnung nie selbstverständlich ist, sondern ein permanenter Aushandlungsprozess zwischen Stabilität und Veränderung.
Die Ausstellungen beschäftigen sich mit sechs Bereichen:
Psychische Ordnungssysteme – innere Strukturen, Wahrnehmung, Erinnerung und Identität.
Gesellschaftliche Ordnungssysteme – soziale Normen, Rituale und kulturelle Prägungen.
Physische Ordnungssysteme – biologische Prozesse und die Wechselwirkung von Körper und Psyche.
Naturgebundene Ordnungssysteme – ökologische Kreisläufe, Klima und Verantwortung.
Politische und mediale Ordnungssysteme – Macht, Information, Öffentlichkeit und digitale Dynamiken.
Partnerschaftliche Ordnungssysteme – Beziehungen als fragile Gefüge aus Kommunikation, Vertrauen und Erinnerung.
Kunst eröffnet dabei einen besonderen Zugang: Sie macht komplexe Zusammenhänge sinnlich erfahrbar, stellt scheinbar stabile Ordnungen infrage und zeigt, wie eng Stabilität und Veränderung miteinander verwoben sind. Gerade dort, wo Systeme ins Wanken geraten, entstehen neue Perspektiven und Möglichkeiten des Denkens.
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2013
DIE BEIDEN PARTEIEN SIND WENIG KOMPROMISSBEREIT
Unsere Lebenswelt beschleunigt sich kontinuierlich. Technologische Innovationen, digitale Kommunikation und gesellschaftliche Veränderungen verlangen ständige Anpassung. Prozesse werden optimiert, Entscheidungen beschleunigt, Reaktionszeiten verkürzt. Zeit erscheint zunehmend als Ressource, die effizient genutzt werden muss.
Der Mensch hingegen folgt einer anderen Logik. Körperliche, emotionale und geistige Entwicklungen lassen sich nicht beliebig beschleunigen. Beziehungen entstehen in ihrem eigenen Rhythmus, Trauer benötigt Zeit, Vertrauen wächst langsam, Erkenntnis lässt sich nicht erzwingen. Der Philosoph Fritz Reheis bezeichnet dieses Phänomen als Eigenzeit – jene individuelle Zeit, die jedem Organismus und jedem Entwicklungsprozess innewohnt.
Zwischen der beschleunigten Zeit der Gesellschaft und der Eigenzeit des Menschen entsteht ein Spannungsfeld, das den Alltag vieler Menschen prägt. Oft laufen unterschiedliche Prozesse nicht synchron: Während technologische Entwicklungen immer schneller werden, bleiben emotionale oder soziale Veränderungen an ihren eigenen Rhythmus gebunden. Es entsteht das Gefühl, Bild und Ton einer Wirklichkeit seien gegeneinander verschoben.
Das Jahresprogramm von flat1 widmet sich diesem Konflikt zwischen Beschleunigung und Eigenzeit. Die eingeladenen Künstler:innen untersuchen unterschiedliche Formen zeitlicher Erfahrung und fragen, wie individuelle, gesellschaftliche und technologische Rhythmen miteinander in Beziehung treten. Wann entsteht Harmonie, wann Überforderung? Wo liegen die Grenzen der Optimierung? Und welche Zeit braucht Veränderung tatsächlich?
Kunst eröffnet dabei einen Raum, in dem Zeit nicht effizient genutzt werden muss, sondern bewusst erlebt werden kann. Sie macht unterschiedliche Geschwindigkeiten sichtbar und erinnert daran, dass Entwicklung nicht ausschließlich von Tempo, sondern ebenso von Dauer, Aufmerksamkeit und Resonanz lebt.
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2012
ORIGINS - DIE SPUREN UNSERER HERKUNFT
Wer sind wir? Sind wir das Ergebnis unserer genetischen Herkunft oder formen uns Kultur, Gesellschaft und persönliche Erfahrungen? Das Jahresprogramm von flat1 widmet sich dem Spannungsfeld zwischen biologischer Prägung und individueller Selbstbestimmung.
Lange galt der Mensch als Produkt seiner genetischen Veranlagung. Neue Erkenntnisse der Epigenetik zeigen jedoch, dass Gene kein unveränderliches Schicksal darstellen. Umwelt, Erfahrungen und Lebensbedingungen beeinflussen, welche genetischen Informationen aktiviert werden – und können diese Veränderungen sogar an nachfolgende Generationen weitergeben. Herkunft erscheint damit nicht mehr als starre Bestimmung, sondern als dynamischer Prozess.
Auch die Kunst stellt seit jeher Fragen nach Identität, Erinnerung und kultureller Prägung. Welche Verhaltensweisen tragen wir seit Jahrtausenden in uns? Welche Muster übernehmen wir von unseren Familien oder Gesellschaften? Welche lassen sich verändern oder bewusst überwinden?
Das Jahresprogramm untersucht diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven und versteht den Menschen als Wesen zwischen Evolution und Gegenwart, zwischen Erinnerung und Zukunft.
Die sechs Ausstellungen widmen sich grundlegenden menschlichen Verhaltensformen:
Collection – sammeln, ordnen, archivieren
Observation – beobachten, jagen, wahrnehmen
Deception – tarnen, täuschen, verbergen
Communication – sprechen, schweigen, übersetzen, Beziehungen gestalten
Production – inszenieren, erschaffen, entfremden
Transience – erinnern, beseelen, vergehen, sterben
Die künstlerischen Positionen untersuchen, wie tief historische Prägungen in unserem Denken und Handeln verankert sind – und wo die Freiheit beginnt, sie neu zu schreiben.
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2010 - 2011
MENSCH - EINE NEUVERORTUNG
Der Mensch des 21. Jahrhunderts bewegt sich in einer Welt, deren vertraute Sicherheiten zunehmend ins Wanken geraten. Technologische Entwicklungen, globale Krisen, gesellschaftliche Umbrüche und neue Lebensentwürfe verändern die Art, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und uns selbst darin verorten.
Wo finden wir heute Orientierung? Welche Bezugssysteme geben Halt, wenn traditionelle Gewissheiten ihre Gültigkeit verlieren? Ist die Rückkehr zur Natur Ausdruck einer Sehnsucht nach Authentizität oder bereits eine kulturelle Konstruktion? Bieten neue Formen des Zusammenlebens mehr Freiheit – oder erzeugen sie neue Unsicherheiten? Und wie verändert sich unser Verhältnis zu Raum, Architektur und Urbanität in einer Gesellschaft, deren Strukturen immer flexibler und zugleich fragiler werden?
Das Jahresprogramm von flat1 untersucht den Menschen als Teil eines komplexen Beziehungsgeflechts. Im Mittelpunkt stehen die Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt, zwischen Körper und Raum, Gemeinschaft und Isolation, Realität und Fiktion. Die künstlerischen Positionen fragen danach, wie Identität unter Bedingungen permanenter Veränderung entsteht und welche Strategien Menschen entwickeln, um sich in einer zunehmend instabilen Welt neu zu orientieren.
Die Ausstellungen der nächsten zwei Jahren widmen sich unterschiedlichen Beziehungsebenen:
Mensch – Natur
Zwischen biologischer Prägung, Umwelt und dem Wunsch nach Ursprünglichkeit.
Mensch – Gemeinschaft
Neue soziale Modelle, Beziehungen und kulturelle Identitäten.
Mensch – Lebensraum
Urbanität, Architektur und die Wahrnehmung von öffentlichem und privatem Raum.
Mensch – Zwischenräume
Orte des Übergangs, der Unsicherheit und des temporären Daseins.
Mensch – Irritation
Manipulation, Kontrollverlust und die Fragilität von Gewissheiten.
Mensch – Zukunft
Zwischen Utopie, technologischer Entwicklung und spekulativen Zukunftsbildern.
Die künstlerischen Beiträge verstehen den Menschen nicht als isoliertes Individuum, sondern als Teil eines dynamischen Netzwerks von Beziehungen. Sie eröffnen neue Perspektiven auf die Frage, wie wir uns in einer Welt verorten, deren Bezugssysteme sich fortwährend verändern.


